Der Fernseher ist er längst ein vernetzter Computer mit Mikrofon, Betriebssystem, Apps und einer eigenen Vorstellung davon, welche Sendungen sein Besitzer interessant finden könnte. Wer einen Smart-TV benutzt, kann deshalb mehr Daten preisgeben als nur die Information, welchen Sender er gerade eingeschaltet hat. Je nach Hersteller geht es um Sehgewohnheiten, Geräte- und Netzwerkdaten, Werbeprofile und – wenn Sprachfunktionen aktiviert sind – auch um Sprachbefehle.
Wie umfangreich diese Datensammlung sein kann, ist gerade wieder Gegenstand einer heftigen Debatte. Auslöser ist eine Untersuchung des Technikkanals Gamers Nexus, die LG-Fernsehern vorwirft, unter anderem Audiodaten und Informationen über Geräte im heimischen Netzwerk zu erfassen. In Berichten war von rund 216 Millionen betroffenen Geräten die Rede. LG weist den Vorwurf zurück, seine Fernseher würden Gespräche heimlich und dauerhaft aufzeichnen. Nach Angaben des Herstellers beginnt die Sprachverarbeitung erst, wenn eine Sprachfunktion über ein Aktivierungswort oder die entsprechende Taste der Fernbedienung ausgelöst wird.
Auch die Behauptung, LG-Fernseher würden für die automatische Inhaltserkennung ständig Screenshots des Bildschirms an LG schicken, weist der Hersteller zurück. Nach der aktuellen Stellungnahme verwendet LG für seine „Automatic Content Recognition“ (ACR) einen digitalen Audio-Fingerabdruck des laufenden Inhalts. Screenshots, Bildschirmaufnahmen oder Videoaufzeichnungen würden dabei nicht gesammelt. ACR kann allerdings – wenn aktiviert – unter anderem Live-TV und HDMI-Quellen erkennen.
Was weiß ein Smart-TV über seinen Besitzer?
Der entscheidende Begriff lautet ACR, also „Automatic Content Recognition“. Dahinter steckt eine Technik, mit der ein Fernseher erkennt, was gerade läuft. Aus dieser Information lässt sich beispielsweise ableiten, welche Sendungen gesehen werden, wie lange jemand zuschaut oder welche Werbung auf dem Bildschirm erscheint. Das ist für Hersteller und Werbepartner interessant, weil sich damit Werbung und Angebote stärker an den vermuteten Interessen des Nutzers ausrichten lassen.
Samsung beschreibt seine ACR-Funktion beispielsweise als Erfassung von Informationen über gesehene Programme und die jeweilige Nutzungsdauer. Dazu können Gerätekennungen und die IP-Adresse kommen. Samsung betont zugleich, dass ACR nicht dazu diene, den Bildschirminhalt zu filmen oder zu beobachten. Die Funktion ist nach Angaben des Herstellers optional.
Unabhängige Messungen von RTINGS zeigen allerdings, warum ein Blick in die Einstellungen trotzdem sinnvoll ist. Das Fachportal hat aktuelle Fernseher verschiedener Hersteller nach einem Zurücksetzen auf Werkseinstellungen untersucht und den Netzwerkverkehr beobachtet. Bei Samsung, Sony und LG ließen sich unter anderem regelmäßig Datenverbindungen zu ACR-bezogenen Diensten erkennen, wenn die entsprechenden Funktionen aktiviert waren. Gleichzeitig zeigte der Test, dass die Bezeichnungen und Orte der Datenschutzoptionen von Hersteller zu Hersteller erheblich variieren.
LG: „Live Plus“ und Nutzervereinbarungen prüfen
Bei LG liegt die automatische Inhaltserkennung in aktuellen webOS-Fernsehern nicht einfach unter einem Menüpunkt namens „Datenschutz“. Je nach Modell und Softwareversion können die Bezeichnungen abweichen. Ein wichtiger Begriff ist „Live Plus“, der in älteren und teilweise weiterhin verwendeten webOS-Menüs mit der automatischen Inhaltserkennung verbunden ist. Außerdem lohnt sich ein Blick in die Nutzervereinbarungen und die Einstellungen für Werbung und Sprachfunktionen. Ältere Anleitungen führen etwa „Viewing Information“, „Voice Information“, interessenbezogene Werbung und „Live Plus“ als getrennte Punkte auf.
Bei aktuellen Geräten hat sich die Situation teilweise verändert. LG erklärt inzwischen ausdrücklich, dass ACR standardmäßig ausgeschaltet sei und erst nach Zustimmung zu einer entsprechenden Vereinbarung aktiviert werde. Wer die Funktion einmal erlaubt hat, kann die Zustimmung wieder zurückziehen oder ACR in den Einstellungen deaktivieren.
Wer die Sprachsteuerung nicht benötigt, sollte auch diese Funktion überprüfen. LG erklärt, dass die lokale Erkennung des Aktivierungsworts auf dem Fernseher stattfindet. Wird eine Sprachinteraktion ausgelöst, können Sprachdaten und technische Protokolle verarbeitet werden.
Samsung: Der wichtigste Schalter heißt „Viewing Information Services“
Bei Samsung ist der Weg vergleichsweise eindeutig: In den Einstellungen führt er über „Support“, „Allgemeine Geschäftsbedingungen und Datenschutz“ beziehungsweise „Terms & Privacy“ zu den Datenschutzoptionen. Dort findet sich unter anderem „Viewing Information Services“. Dahinter steckt die ACR-Funktion, mit der Samsung Informationen über das Fernsehverhalten erfasst.
Wer möglichst wenig personalisierte Datennutzung möchte, sollte zusätzlich nach „Interest-Based Advertising“ schauen. Wer die Sprachsteuerung nicht verwendet, kann außerdem die entsprechenden Sprachdienste beziehungsweise die Freisprechfunktion für den Sprachassistenten abschalten. Samsung weist selbst darauf hin, dass ACR jederzeit wieder deaktiviert werden kann.
Das bedeutet allerdings nicht, dass der Fernseher danach keinerlei Daten mehr verarbeitet. Ein vernetztes Gerät muss beispielsweise für Softwareupdates, Apps oder bestimmte technische Funktionen weiterhin mit Servern kommunizieren. Es geht deshalb nicht darum, jede Datenübertragung unmöglich zu machen, sondern die freiwilligen Funktionen zur Erfassung von Seh- und Nutzungsdaten abzuschalten.
Sony: Auch Google TV hat eigene Datenschalter
Bei Sony ist die Sache etwas komplizierter, weil aktuelle Bravia-Fernseher je nach Modell mit Google TV beziehungsweise Android TV arbeiten. Zusätzlich können Dienste wie Samba Interactive TV eine Rolle spielen. In älteren Anleitungen wurde die entsprechende Funktion noch ausdrücklich als „Samba Interactive TV“ bezeichnet und zum Abschalten der ACR-Erfassung empfohlen.
Bei einem aktuellen Sony-Fernseher sollte man deshalb nicht nur im Sony-Menü suchen, sondern auch die Datenschutz- und Werbeeinstellungen von Google TV prüfen. Dazu gehören unter anderem Einstellungen zur personalisierten Werbung und zur Übermittlung von Nutzungs- und Diagnosedaten. Die genaue Bezeichnung hängt vom Modell und der Softwareversion ab.
Das Beispiel Sony zeigt ein grundsätzliches Problem moderner Fernseher: Der Hersteller des Geräts ist nicht zwangsläufig der einzige Akteur, der Daten verarbeitet. Im Fernseher können Herstellerdienste, Betriebssystemanbieter, Streamingdienste und Werbetechnik verschiedener Anbieter nebeneinander arbeiten.
TCL, Hisense und Philips: Nicht nach „Spionage“ suchen
Bei anderen Marken lohnt sich deshalb eine andere Strategie. TCL weist in seiner europäischen Datenschutzerklärung ausdrücklich darauf hin, dass Werbepartner ACR und andere Technologien verwenden können, um Informationen über TV-Nutzung und Sehgewohnheiten zu erfassen. Der Hersteller erklärt ebenfalls, dass Nutzer in den TV-Einstellungen kontrollieren können, ob eine solche Datenerfassung zugelassen wird. Bei Sprachassistenten können Sprachdaten zudem an Google oder Amazon übermittelt werden.
Bei Philips mit Titan OS findet sich ebenfalls eine ACR-Funktion. In der Datenschutzerklärung des Betriebssystems wird sie als standardmäßig ausgeschaltet beschrieben. Wird sie aktiviert, kann Samba TV Informationen über gesehene Programme und Werbung sowie Zeitpunkt, Kanal, Gerätekennung, IP-Adresse und Standort des Fernsehers verarbeiten. Die Zustimmung lässt sich nach Angaben von Titan OS im Menü „Viewing Data“ wieder zurückziehen.
Bei Hisense wiederum taucht ACR teilweise unter einer ganz anderen Bezeichnung auf. In einer deutschen Bedienungsanleitung wird beispielsweise eine Funktion „Bild- und Klangverbesserung (ACR)“ beschrieben, bei der Fernsehdaten für die automatische Optimierung von Bild und Ton verwendet werden. Welche Optionen tatsächlich vorhanden sind, hängt auch hier vom Modell, Land und der Software ab.
Wie bekommt man einen Smart-TV wirklich ruhig?
Wer möglichst wenig Daten preisgeben möchte, sollte nicht nur einen einzelnen Schalter suchen. Sinnvoll ist ein kleiner Rundgang durch die Datenschutzeinstellungen. Begriffe wie „ACR“, „Viewing Information“, „Viewing Data“, „Live Plus“, „Samba Interactive TV“, „Content Recognition“, „personalisierte Werbung“, „Nutzungsdaten“ oder „Sprachassistent“ sind dabei wichtiger als die Suche nach einem Menüpunkt namens „Spionage“.
Noch einen Schritt weiter geht, wer die Smart-Funktionen des Fernsehers überhaupt nicht benötigt. Ein Fernseher kann auch als Bildschirm für einen externen Receiver, eine Spielekonsole oder ein Streaming-Gerät dienen. Wird die Internetverbindung des Fernsehers selbst nicht benötigt, kann man ihn vom WLAN trennen. Damit verschwinden allerdings nicht automatisch alle Datenschutzfragen: Ein angeschlossenes Streaming-Gerät kann seinerseits Seh- und Nutzungsdaten erfassen. RTINGS empfiehlt deshalb, die Privatsphäre nicht nur beim Fernseher, sondern bei jedem Gerät zu betrachten, das Inhalte liefert.
Und genau hier liegt der Unterschied zwischen einem Fernseher, der „alles über seinen Besitzer weiß“, und einem Gerät, das einige Daten verarbeitet, die sich abschalten lassen. Die aktuelle LG-Debatte zeigt, wie schwer solche Vorgänge für Verbraucher von außen zu beurteilen sind. Sicher ist aber: Wer einen Smart-TV einrichtet, sollte die Datenschutzerklärungen nicht einfach wegklicken. Denn hinter Begriffen wie „Viewing Information“ oder „personalisierte Dienste“ kann sich eine ziemlich genaue Beschreibung des eigenen Fernsehabends verbergen.
