Wann ist man ein Hypochonder?

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Wohlbefinden

Das könnte Krebs sein! Kaum ist Martin S. aufgewacht, steht er vor dem Spiegel. Ob Knötchen, Rötungen oder auffällige Flecken – jedes Detail seinen Körpers wird mit Akribie betrachtet. Das ist Krebs, lautet schließlich die Einsicht, der Mann macht sich auf den Weg zum Arzt. Doch ein fachmännischer Blick, und dieser gibt Entwarnung – harmlos. Für Martin S. kein Grund zur Beruhigung. Es ist bei Weitem nicht der erste und auch nicht der letzte Praxis-Besuch in diesem Monat. Er leidet unter krankhafter Krankheitsangst.

Arzt, Ärzte, Medizin, Krankenhaus, KlinikMartin S. ist Hypochonder – und dazu zählen nach wissenschaftlichen Schätzungen bis zu vier Prozent der Bundesbürger. Das Bild der psychischen Störung scheint weitläufig bekannt: Schon ein kleines Zipperlein treibt den Hypochonder zum Arzt. Doch dies ist mehr Klischee als Realität: Die meisten Patienten haben Angst vor schweren, unheilbaren Krankheiten.

Der hypochondrische Patient kommt deshalb auch schon mit einer klaren Idee der Krankheit in die Praxis. Doch nicht jeder Betroffene beschäftigt sich tagtäglich und intensiv mit seinen möglichen Leiden: Es gibt Hypochonder, für die ist allein schon der Gedanke an schlimme Krankheiten ein Graus. Diese Gruppe vermeidet jede Auseinandersetzung mit dem Thema. Wenn etwas über schlimme Krankheiten im Fernsehen läuft, schalten sie um, sagt Josef Bailer, Leiter der Abteilung Klinische Psychologie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und unterstreicht dabei, wie vielfältig Hypochondrie sein kann.

Genauso wenig wie das Verhalten eines Hypochonders immer gleich ist, gibt es einen typischen Patienten. Wir vermuten, dass die Hypochondrie in allen Altersgruppen auftritt, Frauen und Männer sind gleichmäßig betroffen. Viele Hypochonder leiden allerdings schon vorher unter erhöhter Angst. Oft kommt dann noch Erfahrung mit schwerer Krankheit hinzu. Entweder beim Patienten selbst oder im nahen Umfeld, berichtet Bailer. Auch chronischer Stress gehört zu den Grundlagen. Selbst Medien-Berichte über Epidemien wie Ebola oder die Vogel-Grippe könnten die krankhaften Vorstellungen bei einzelnen Menschen auslösen.

Aus Angst vor der Krankheit suchen Hypochonder die häufige Rückversicherung durch den Arzt. Doch die Diagnose „völlig gesund“ wird aus dem Bewusstsein schnell wieder getilgt: Der Patient misstraut dem Arzt, meint, er hätte vielleicht etwas völlig Unbekanntes, erläutert Bailer. Ein Hypochonder wechselt deshalb häufig den behandelnden Arzt, wird zum Doktorhopper. Die Folge: Ein einzelner Mediziner kann kaum noch erkennen, ob ein Betroffener ungewöhnlich oft in der Praxis auftaucht und eventuell einschreiten.

Hypochondrie muss deshalb vom Umfeld und vor allem vom Betroffenen selbst erkannt werden. Doch der Weg bis zur Einsicht ist lang. Oft vergehen Jahre bis zu diesem Schritt. Der hypochondrische Patient denkt, er hat ein medizinisches Problem. Da fühlt er sich beim Psychologen falsch aufgehoben, verdeutlicht Bailer.

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